Redaktionelle Einordnung

EMS-Training ist eine hochintensive Trainingsform, bei der elektrische Impulse gezielt Muskelkontraktionen auslösen. Dabei können Kontraktionen entstehen, die sich in ihrer Rekrutierung von willentlich gesteuerten Muskelkontraktionen unterscheiden und in dieser Form nicht allein durch aktive Muskelansteuerung erreicht werden. Gerade deshalb stellt EMS besondere Anforderungen an Sicherheit, Belastungssteuerung und fachkundige Betreuung.

Eine klare Kenntnis möglicher Kontraindikationen und Ausschlusskriterien ist daher essenziell, um gesundheitliche Risiken zu vermeiden.

Der folgende Fachartikel wurde von Prof. Dr. Christoph Eifler verfasst und basiert auf der aktuellen sportwissenschaftlichen und medizinischen Fachliteratur. Er richtet sich an Endkunden, Trainer und medizinisch Verantwortliche, die EMS-Training verantwortungsvoll, indikationsgerecht und sicher einsetzen möchten.


Ganzkörper-Elektromyostimulation (EMS-Training) ist ein hochintensives, zeiteffizientes Training, das alle großen Muskelgruppen stimuliert. Der Text erläutert die Vorteile, aber auch Risiken wie Rhabdomyolyse bei unsachgemäßer Anwendung. Wichtige Kontraindikationen werden unterschieden in absolute und relative, um die Sicherheit der Anwender zu gewährleisten. Die Abklärung dieser Kriterien gemäß DIN 33961 ist unerlässlich für eine effektive und gesunde Durchführung von GK-EMS.

Ganzkörper-Elektromyostimulation (GK-EMS) bezeichnet eine simultane Stimulation aller großer Muskelgruppen (durch mindestens sechs applizierte Stromkanäle) mit einem trainingswirksamen Reiz, welcher Adaptationen auslöst. Sie wird als eine hochintensive und zeiteffiziente Trainingsform sowohl in der Therapie und Prävention als auch im Freizeit- und Breiten- sowie im Leistungssport angewendet (Berger, 2021; Kemmler, Kleinöder & Fröhlich, 2020).

Bei korrekter Applikation stellt GK-EMS eine effektive sowie sichere Trainingsform dar. Aufgrund der großflächigen Anwendung und der simultanen Kontraktion großer Muskelgruppen bringt sie bei missbräuchlicher Durchführung allerdings auch ein gewisses Gefährdungspotenzial mit sich. Die supramaximale Stimulation der einzelnen Körperregionen sowie die daraus resultierende hohe metabolische Belastung für den Organismus kann zu unerwünschten Nebenwirkungen bis hin zu einer Überbeanspruchung führen, welche sich im schlimmsten Fall in einer Rhabdomyolyse (Muskelgewebezerfall) durch eine massive Erhöhung der Kreatinkinase (CK) äußert.

Eine adäquate Erhöhung der CK ist generell nach jeder sportlichen Betätigung der Fall. Eine übermäßige Erhöhung durch eine Überbelastung der Muskulatur ist allerdings ein Faktor, den es bei der GK-EMS unbedingt zu vermeiden gilt. Eine zu intensive GK-EMS-Erstapplikation hat in vergangenen Untersuchungen zu einem massiven Anstieg der CK-Werte geführt, woraus geschlossen wurde, dass vor allem die anfänglichen GK-EMS-Trainingseinheiten mit einer verringerten Intensität durchgeführt werden müssen, um den Organismus langsam an die neue Trainingsform zu gewöhnen und einer Rhabdomyolyse vorzubeugen (Kemmler, Fröhlich, Stengel & Kleinöder, 2016).

Wie bei jeder neu aufgenommenen Trainingsform sollte daher der Beginn des GK-EMS-Trainings behutsam und unter Berücksichtigung des aktuellen Gesundheitszustandes der Anwender sowie anhand professioneller Betreuung von ausgebildetem Fachpersonal erfolgen. Bei der GK-EMS gibt es weitere essenzielle Kriterien, welche ausgeschlossen werden müssen, bevor die erste Applikation stattfinden kann (Berger, 2022; Kemmler et al., 2019). Aufgrund der unwillkürlichen Kontraktion der Muskulatur und dem daraus resultierenden Gefährdungspotenzial ist GK-EMS nur bedingt mit einem klassischen Kraft- oder Ausdauertraining zu vergleichen. Darauf aufbauend sind in den Prüfkriterien der DIN 33961 weitergehende formalisierte Regelungen hinsichtlich Kontraindikationen einer GK-EMS-Anwendung aufgeführt. Diese sollen als Orientierungshilfe in der täglichen Praxisroutine dienen, indem Ausschlusskriterien für ein GK-EMS-Training definiert werden.

Bei den Kontraindikationen wird zwischen relativen und absoluten Kontraindikationen differenziert (Kemmler et al., 2019). Beim Vorliegen absoluter Kontraindikationen ist eine GK-EMS-Applikation aufgrund einer akuten Gefährdung der Trainierenden grundlegend abzulehnen, da es zu physischen Beeinträchtigungen kommen kann, welche maßgeblich gesundheitsbeeinträchtigend sind.

Absolute Kontraindikationen

Die absoluten Kontraindikationen sind im Vorfeld des ersten GK-EMS-Trainings zu überprüfen und in einem gesonderten Anamnesebogen zu archivieren. Nach DIN 33961-5 sowie unter Berücksichtigung der aktualisierten evidenzbasierten Konsensempfehlungen gelten insbesondere folgende Faktoren als absolute Kontraindikationen:

  • Akute Erkrankungen, bakterielle Infektionen und entzündliche Prozesse:
    Beim Vorliegen von akuten Erkrankungen, bakteriellen Infektionen und entzündlichen Prozessen ist der Körper bereits erheblich geschwächt. Von sportlichen Belastungen und dementsprechend auch von einem GK-EMS-Training ist dringend abzuraten (Baum & Liesen, 1998).
  • Kürzlich vorgenommene Operationen:
    Offene oder genähte Wunden im Applikationsbereich schließen ein Training grundlegend aus. Eine sportliche Belastung sollte vermieden werden, solange die Wunde nicht selbstständig geschlossen ist. Zur Absicherung dient die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.
  • Arteriosklerose und arterielle Durchblutungsstörungen:
    Die Auswirkungen von GK-EMS auf arteriosklerotische Erkrankungen sind nicht ausreichend erforscht. Da der Krankheitsverlauf lebensbedrohlich sein kann (Herzinfarkt, Schlaganfall), ist von einem Training unbedingt abzusehen (Kemmler et al., 2019).
  • Stents und Bypässe, die weniger als sechs Monate aktiv sind:
    Beide Verfahren stellen einen massiven Eingriff dar. In der postoperativen Rehabilitation sollte GK-EMS erst nach ausreichender Genesung (i. d. R. nach sechs Monaten) und ärztlicher Abklärung durchgeführt werden (Albrecht & Mooren, 2018).
  • Unbehandelter Bluthochdruck:
    Unbehandelter Bluthochdruck muss zur Vermeidung von Folgeerscheinungen (Schlaganfall, Niereninsuffizienz) ärztlich abgeklärt werden und schließt ein sportliches Training grundlegend aus (Predel, 2007).
  • Schwangerschaft:
    Es liegen keine wissenschaftlichen Befunde vor. Die fehlende Evidenz schädlicher Auswirkungen ist nicht gleichbedeutend mit Sicherheit. Der Schutz von Mutter und Kind steht an erster Stelle.
  • Elektrische Implantate und Herzschrittmacher:
    Da GK-EMS mit elektrischen Impulsen arbeitet, können Interferenzen mit Implantaten nicht ausgeschlossen werden. Es besteht Lebensgefahr, weshalb dies eine absolute Kontraindikation darstellt.
  • Herz-Rhythmus-Störungen:
    Für das hochintensive GK-EMS-Training existieren bislang keine evidenzbasierten Aussagen zur Sicherheit bei Herz-Rhythmus-Störungen. Eine Anwendung ist aufgrund potenziell lebensgefährdender Folgen auszuschließen (Hordern et al., 2012).
  • Blutungsstörung und Blutungsneigung (Hämophilie):
    Die Auswirkungen von GK-EMS auf Blutungsstörungen sind unerforscht. Aufgrund des Risikos von Spontan- oder Gelenkeinblutungen wird ein Training grundlegend ausgeschlossen (Kemmler et al., 2019).
  • Neuronale Erkrankungen, Epilepsie und schwere Sensitivitätsstörungen:
    Bei epileptischen Erkrankungen könnte die externe Stimulation zu einer erhöhten Anfallsneigung führen, weshalb GK-EMS kontraindiziert ist.
  • Bauchwand- und Leistenhernien:
    Durch körperliche Belastungen könnte es zu einer Vergrößerung der Verletzung oder zum Austritt innerer Organe kommen. Dies erfordert direkte ärztliche Versorgung.
  • Akuter Einfluss von Alkohol, Drogen oder Rauschmitteln:
    Aufgrund der Gefahr einer massiven Schädigung des Organismus ist ein Training grundlegend auszuschließen.

Relative Kontraindikationen

Relative Kontraindikationen müssen vor der Durchführung fachärztlich abgeklärt werden oder schließen die Anwendung an bestimmten Körperregionen aus. Zu ihnen zählen nach DIN 33961:

  • Akute Rückenbeschwerden ohne Diagnose
  • Akute Neuralgien, Bandscheibenvorfälle
  • Implantate, die älter als sechs Monate sind
  • Erkrankungen der inneren Organe, insbesondere Nierenerkrankungen
  • Kardiovaskuläre Erkrankungen
  • Diabetes mellitus
  • Tumor- und Krebserkrankungen
  • Bewegungskinetosen
  • Größere Flüssigkeitsansammlungen (Beinödeme)
  • Offene Hautverletzungen, Ekzeme, Verbrennungen
  • Einnahme bestimmter Medikamente

Diese dienen dem Schutz: Es sollen gravierende Gesundheitsbeeinträchtigungen erfasst werden, um die Belastbarkeit festzustellen. Die Entscheidung, ob eine ärztliche Freigabe eingefordert wird, hängt letztendlich von der Gesamtanamnese ab. Geringfügige oder länger zurückliegende Beeinträchtigungen müssen nicht zwingend zu einem Ausschluss führen. Bandscheibenvorfälle sind z. B. primär in der akuten Phase relative Kontraindikationen.

Relative Kontraindikationen wie Ödembildungen oder Kinetosen können Leitsymptome schwerwiegender Erkrankungen sein. Daher ist die fachärztliche Abklärung unabdingbar. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Abfrage von absoluten sowie relativen Kontraindikationen gemäß DIN 33961 die effektive und sichere Trainingsdurchführung unterstützt.

Dieser Beitrag basiert auf einer früheren Fassung von Eifler & Berger und wurde für diese Version vom Autor aktualisiert und überarbeitet (Stand: 2026).


Fazit der Redaktion

Die aufgeführten Kontraindikationen machen deutlich, dass EMS-Training keine pauschale Trainingsform ist und nicht ohne fachkundige Prüfung eingesetzt werden darf. Eine sorgfältige Anamnese, qualifizierte Betreuung und – bei relevanten Vorerkrankungen – eine ärztliche Abklärung sind unverzichtbare Voraussetzungen für ein sicheres EMS-Training. Vor diesem Hintergrund ist EMS-Training ohne professionelle Betreuung – etwa als Heim- oder Selbstanwendung – aus fachlicher Sicht nicht zu empfehlen, da eine sichere Belastungssteuerung und Risikokontrolle nicht gewährleistet werden können.

Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

Albrecht, B. & Mooren, F. C. (2018). Prähabilitation. In F. C. Mooren & C. D. Reimers (Hrsg.), Praxisbuch Sport in Prävention und Therapie (S. 57–63). München: Elsevier.

Baum, M. & Liesen, H. (1998). Sport und Immunsystem. Deutsches Ärzteblatt – Ärztliche Mitteilungen, Ausgabe A, 95 (10), 538–540.

Berger, J. (2021). Eine Evaluation der Anwendbarkeit und Effektivität von Ganzkörper-Elektromyostimulation. Dissertation. Technische Universität, Kaiserslautern. https://doi.org/10.26204/KLUEDO/6286

Berger, J. (2022). Das Vier-Faktoren-Modell des Ganzkörper-EMS-Trainings. Fitness Management International, 03 (161), 96–98.

BMU. (2019). Verordnung zum Schutz vor schädlichen Wirkungen nichtionisierender Strahlung bei der Anwendung am Menschen (NiSV), Bonn.

Dimeo, F. C. & Thiel, E. (2008). Körperliche Aktivität und Sport bei Krebspatienten. Der Onkologe, 14 (1), 31–37. https://doi.org/10.1007/s00761-007-1288-7

Hordern, M. D., Dunstan, D. W., Prins, J. B., Baker, M. K., Singh, M. A. F. & Coombes, J. S. (2012). Exercise prescription for patients with type 2 diabetes and pre-diabetes: a position statement from Exercise and Sport Science Australia. Journal of Science and Medicine in Sport, 15 (1), 25–31.

Kemmler, W., Fröhlich, M., Stengel, S. von & Kleinöder, H. (2016). Whole-Body Electromyostimulation - The Need for Common Sense! Rationale and Guideline for a Safe and Effective Training. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 67 (9), 218–221.

Kemmler, W., Kleinöder, H. & Fröhlich, M. (2020). Editorial: Whole-Body Electromyostimulation: A Training Technology to Improve Health and Performance in Humans? Frontiers in Physiology, 11, 523.

Kemmler, W., Weissenfels, A., Willert, S., Fröhlich, M., Ludwig, O., Berger, J. et al. (2019). Recommended Contraindications for the Use of Non-Medical WB-Electromyostimulation. German Journal of Sports Medicine/Deutsche Zeitschrift fur Sportmedizin, 70 (11), 278–282.

Marées, H. de. (2003). Sportphysiologie. Köln: Sportverlag Strauss.

Predel, H. G. (2007). Bluthochdruck und Sport. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 58 (9), 328–333.

Reimers, C. D. & Völker, K. (2018). Bluthochdruck (arterielle Hypertonie). In Patienteninformationen Sport in der Neurologie–Empfehlungen für Ärzte (S. 103–108). Springer.

Teschler, M., Weissenfels, A., Bebenek, M., Fröhlich, M., Kohl, M., Stengel, S. von et al. (2016). (Very) high creatine kinase (CK) levels after Whole-Body Electromyostimulation. Are there implications for health? International Journal of Clinical and Experimental Medicine, 9 (11), 22841–22850.

von Stengel, S., Fröhlich, M., Ludwig, O., Eifler, C., Berger, J., Kleinöder, H., Micke, F., Wegener, B., Zinner, C., Mooren, F. C., Teschler, M., Filipovic, A., Müller, S., England, K., Vatter, J., Authenrieth, S., Kohl, M., Kemmler, W. Revised contraindications for the use of non-medical WB-electromyostimulation. Evidence-based German consensus recommendations. Front Sports Act Living. 2024; 6:1371723. doi: 10.3389/fspor.2024.1371723.