Redaktionelle Einordnung

Ganzkörper-EMS-Training ist hochwirksam – und genau deshalb braucht die Methode klare Grenzen, Standards und Verantwortung. Der Trainingsreiz entsteht nicht nur über Bewegung und Last, sondern zusätzlich über elektrische Impulse. Das macht EMS effizient, aber auch erklärungs- und steuerungsintensiv. Gerade Einsteiger können Intensität und Belastung oft nicht zuverlässig einschätzen. Wird der Reiz zu früh oder zu stark gesteigert, steigt das Risiko von Fehlbelastung und Überforderung. Der folgende Fachbeitrag von Prof. Dr. Wolfgang Kemmler, der die Entwicklung von Ganzkörper-EMS seit ihren Anfängen wissenschaftlich begleitet, ordnet deshalb ein, warum EMS immer wieder als Sicherheitsthema diskutiert wird, welche Rolle Kreatinkinase und Rhabdomyolyse bei Fehlanwendung spielen und weshalb internationale Richtlinien für die sichere Durchführung so wichtig sind.

In Deutschland prägen vor allem drei Leitplanken die Seriosität im EMS-Markt: die NiSV-Fachkunde, die DIN 33961-5 und das Medizinprodukterecht mit seinen Anforderungen an Betreiberpflichten und CE-Konformität. Diese Rahmen sollen EMS nicht einschränken, sondern eine wirksame, sichere und nachvollziehbare Anwendung ermöglichen. Gleichzeitig macht der Beitrag deutlich, dass Ganzkörper-EMS kein Heimformat ist: Sichere und effektive Anwendung setzt ein eng betreutes, professionell supervidiertes Setting voraus. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu vielen klassischen Trainingsformen und der Grund, warum Ganzkörper-EMS eine professionell angeleitete Trainingsmethode mit klaren Standards, Grenzen und Verantwortlichkeiten ist.


Warum EMS überhaupt als Sicherheits-Thema diskutiert wird

Bei der Google-Suche nach „EMS und Sicherheit“ erhält man deutlich mehr Treffer als bei der Suche nach „EMS und Effektivität“. Dies steht im krassen Gegensatz zu anderen Trainingstechnologien (z. B. Ganzkörper-Vibration) oder hochintensiven Trainingsprotokollen (z. B. HIIT oder HIT-RT) und zeigt exemplarisch die gesellschaftliche Einschätzung von Ganzkörper-EMS als eine Technologie, der zumindest mit Vorsicht zu begegnen ist.

Doch woher kommen diese Vorbehalte gegen eine Trainingstechnologie, die kein relevantes orthopädisches Risiko birgt? Sicherlich spielen die (zurecht) kritische Berichterstattung breit streuender Medien (bspw. „gefährliche Stromstöße“, Spiegel Online1), Fachartikel2,3 und die offizielle Sicherheitswarnung des israelischen Gesundheitsministeriums4 nach „schwerwiegenden Nebenwirkungen“ während der Anfangsjahre kommerzieller und leistungssportlicher WB-EMS-Applikation eine wichtige Rolle. Daneben trugen wissenschaftliche Daten, die als Reaktion auf diese Problematik erschienen5,6, weniger zu Beruhigung als vielmehr zur Befeuerung der Diskussion bei.

Kreatinkinase, Rhabdomyolyse und Fehlanwendung

Eine dieser wissenschaftlichen Untersuchungen fokussierte auf ein „worst-case“ Szenario völlig inadäquater WB-EMS Anwendung bei gesunden EMS-Neulingen, wohlgemerkt unter enger ärztlicher Überwachung7. Die applizierte Konstellation aus übergreifender (alle großen Muskelgruppen) und höchstintensiver („Anschlag+”) Stimulation sowie einem unvorbereiteten Organismus führte im Einzelfall trotz Abwesenheit klinischer Symptome zu Kreatinkinase-(CK)-Werten im sechsstelligen Bereich bzw. zu einer 100-fachen Erhöhung des CK-Basiswerts mit Peak nach drei bis vier Tagen. Diese Studie bestätigte die von Kastner et al.3 berichtete CK-Konzentration von 240.000 U/L nach erstmaliger, offensichtlich zu intensiver WB-EMS-Anwendung bei einem jugendlichen Fußball-Professional.

Um eine Einordnung dieser CK-Konzentration zu leisten: Dies überschreitet die Werte nach einem Marathonlauf im Mittel um ein Vielfaches. Aus dem Zusammenhang gerissen, schrillen bei diesen CK-Werten nicht nur bei Medizinern sämtliche Alarmglocken, da mögliche Konsequenzen einer schweren Rhabdomyolyse (≥50fache Erhöhung CK) Nierenversagen, Herzrhythmusstörungen und Multiorganversagen sein können.

Das Fazit dieser Studie war folglich, dass WB-EMS, insofern mit inadäquaten Belastungsgrößen durchgeführt, besonders bei nicht erfolgter Konditionierung zu einer regelrechten Entgleisung der Elektrolyt-, CK- und Myoglobin-Konzentration bis hin zu einer schweren Rhabdomyolyse führen kann. Allerdings zeigte der longitudinale Abschnitt dieser Studie auch einen prominenten „repeated bout Effekt“, also eine trainingsinduzierte Normalisierung der CK- und Myoglobinwerte in den Bereich eines intensiven Krafttrainings7.

Wie die Wissenschaft mit Richtlinien auf die frühen Risiken reagierte

Ungeachtet dessen, brachte eine breit aufgestellte Interessengemeinschaft aus Wissenschaft, Lehreinrichtungen und Anwendern8 als Reaktion auf die zunehmenden öffentlichen Vorbehalte im Jahr 2016 die erste Richtlinie zur sicheren und effektiven WB-EMS heraus („Whole-Body Electromyostimulation – The Need for Common Sense!“).

Diese wurde in weiten Teilen unverändert 2023 durch eine internationale Version9 aktualisiert. Wichtig erscheint der Hinweis, dass die Richtlinie im Gegensatz zur Leitlinie keinen verbindlichen Charakter hat. Allerdings kann die dokumentierte Befolgung einer evidenz- und konsensbasierten Richtlinie, deren zentrale Inhalte auch in die DIN 33961-510 eingeflossen sind, im Schadensfall als wesentlicher Maßstab für die Beurteilung eines regelkonformen Vorgehens herangezogen werden.

Fakt ist, dass eine sichere und effektive WB-EMS-Applikation ausschließlich in einem eng betreuten und gut supervidierten Trainingssetting gewährleistet werden kann. Diese Einschätzung wird durch aktuelle Übersichtsartikel11,12 bestätigt.

Im Weiteren möchten wir die aktuelle Richtlinie zur sicheren und effektiven Durchführung von WB-EMS kurz aufgreifen und kommentieren.

Grundsätzliches:

  1. Ein sicheres und effektives Ganzkörper-EMS-Training muss immer mit Begleitung eines ausgebildeten und lizenzierten EMS-Trainers durchgeführt werden.
  2. Ein Trainer darf maximal 2 Trainierende gleichzeitig betreuen.
    Hinweis: Im medizinischen WB-EMS sollte der Betreuungsschlüssel idealerweise auf 1:1 reduziert werden.
  3. Vor dem ersten Training muss eine Anamnese mit schriftlicher Abfrage der Kontraindikationen stattfinden. Diese wird schriftlich dokumentiert, durch die Unterschrift des Kunden und des Abfragenden bestätigt und archiviert. Bei relevanten Auffälligkeiten darf das Training erst nach ärztlicher Freigabe durchgeführt werden.
    Hinweis: Aktuelle Kontraindikation unter 10,13.

Vor dem Training:

  1. Das Ganzkörper-EMS-Training ist nur in guter körperlicher Verfassung und ohne Schmerzen durchzuführen. Alkohol, Drogen, Stimulanzien oder erschöpfende Belastung im Vorfeld sind inadäquat.
  2. Der sehr hohen metabolischen und energetischen Belastung durch WB-EMS ist durch ausreichende, kohlenhydratreiche Nahrungsaufnahme Rechnung zu tragen. Ein kohlenhydratreicher Snack (≈250 kcal) sollte idealerweise ca. 2 Stunden vor dem Training eingenommen werden.
    Hinweis: Vorbeugung einer belastungsinduzierten Hypoglykämie.
  3. Um einer möglichen Nierenbelastung entgegenzuwirken, ist auf eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr (je 500 ml) vor, während und nach dem Training zu achten.

Durchführung des Trainings:

  1. In keinem Fall darf ein ausbelastendes WB-EMS-Training während der ersten Trainingssession oder einem Probetraining stattfinden.
  2. Nach moderater initialer Applikation muss die Stromstärke sukzessive gesteigert werden. Frühestens nach 8 - 10 Wochen darf die höchste Ausprägung stattfinden (subjektiv: schwer-schwer+). Ein schmerzhafter Tetanus muss generell vermieden werden.
  3. Das Ersttraining sollte mit verkürzter Zeit stattfinden (Impulsgewöhnung über 5 Min., intermittierende Belastung über 12 Min.). Die Dauer sollte erst im Anschluss auf maximal 20 Minuten gesteigert werden.
  4. Die Trainingshäufigkeit darf während der ersten 8 - 10 Wochen eine Einheit pro Woche nicht übersteigen.
  5. Auch nach dieser Phase muss ein Abstand von ≥ 4 Tagen zwischen den Einheiten eingehalten werden, um einer Akkumulation von Muskelzerfallsprodukten vorzubeugen und Regeneration zu sichern14.

Sicherheitsaspekte während und nach dem Training:

  1. Das gemäß NiSV-Verordnung15 geeignete Personal hat sich während der Session ausschließlich um die Belange des Anwenders zu kümmern. Bei möglicher Gefährdung ist das Training sofort abzubrechen.
  2. Der Trainer muss den Trainierenden visuell kontrollieren, sich verbal austauschen und ihn innerhalb einer Sekunde erreichen können.
  3. Die Stromintensität muss mindestens dreimal während einer Einheit verbal abgefragt und ggf. nachjustiert werden.
  4. Die Bedienelemente des Gerätes müssen für Trainer und Trainierende jederzeit direkt erreichbar sein.

Fazit

Die Richtlinie legt die Relevanz eines eng angeleiteten und professionell supervidierten WB-EMS nahe. Ein Aspekt, der durch unbetreute Anwendungen und Heimtraining leider zunehmend unterlaufen wird. Sämtliche wissenschaftlichen Untersuchungen, welche Sicherheit und Effektivität der WB-EMS Technologie adressieren11,12,16 und belegen12,17,18, basieren auf eng supervidierten Protokollen.

Fasst man final alle Aspekte zusammen, so ist eine richtlinienkonforme WB-EMS Applikation eine sehr sichere Trainingstechnologie. Vorbehalte gegen das WB-EMS, die auf mangelnder Sicherheit basieren, sind somit bei korrekter und richtlinienkonformer Anwendung unbegründet.

Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

1 Habich, I. Muskelkraft durch EMS-Training: Gefährliche Stromstöße. Spiegel Online (2015).

2 Finsterer, J. & Stollberger, C. Severe rhabdomyolysis after MIHA-bodytec(R) electrostimulation with previous mild hyper-CK-emia and noncompaction. Int J Cardiol 180, 100–102, doi: 10.1016/j.ijcard.2014.11.148 (2015).

3 Kastner, A., Braun, M. & Meyer, T. Two Cases of Rhabdomyolysis After Training With Electromyostimulation by 2 Young Male Professional Soccer Players. Clin J Sport Med 25, 71–73, doi: 10.1097/JSM.0000000000000153 (2014).

4 Malnick, S. D., Band, Y., Alin, P. & Maffiuletti, N. A. It's time to regulate the use of whole body electrical stimulation. BMJ 352, i1693, doi: 10.1136/bmj.i1693 (2016).

5 Kemmler, W., Teschler, M., Bebenek, M. & von Stengel, S. [(Very) high Creatinkinase concentration after exertional whole-body electromyostimulation application: health risks and longitudinal adaptations.]. Wien Med Wochenschr 165, 427–435, doi: 10.1007/s10354-015-0394-1 (2015).

6 Teschler, M., Weißenfels, A., von Stengel, S. & Kemmler, W. Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) und Kreatinkinase (CK) – Facts over Philosophy. Dtsch Z Sportmed 7/8, 194 (2015).

7 Teschler, M. et al. Very high creatine kinase CK levels after WB-EMS. Are there implications for health? Int J Clin Exp Med 9, 22841–22850, doi: 10.1007/s10354-015-0394-1 (2016).

8 Kemmler, W., Froehlich, M., von Stengel, S. & Kleinöder, H. Whole-Body Electromyostimulation – The Need for Common Sense! Rationale and Guideline for a Safe and Effective Training. Dtsch Z Sportmed 67, 218–221, doi: 10.5960/dzsm.2016.246. (2016).

9 Kemmler, W. et al. Position statement and updated international guideline for safe and effective whole-body electromyostimulation training-the need for common sense in WB-EMS application. Front Physiol 14, 1174103, doi: 10.3389/fphys.2023.1174103 (2023).

10 DIN_33961-5. (ed Deutsches-Institut-für-Normung-e.V.) (Beuth Verlag, Berlin, 2019).

11 Kemmler, W., von Stengel, S. & Uder, M. Safety, adherence and attractiveness of Whole-Body Electromyostimulation in non-athletic cohorts. A systematic review. Studia Sportiva. 2025; 19: 137–163.

12 Le, Y., Kohl, M., von Stengel, S., Uder, M. & Kemmler, W. Effectiveness and Safety of Whole-Body Electro-myostimulation on Musculoskeletal Diseases in Middle Aged-Older Adults – A Systematic Review. Dtsch Z Sportmed. 75, 41–48, doi: 10.5960/dzsm.2024.590 (2024).

13 von Stengel, S. et al. Revised contraindications for the use of non-medical WB-electromyostimulation. Evidence-based German consensus recommendations. Front Sports Act Living 6, 1371723, doi: 10.3389/fspor.2024.1371723 (2024).

14 Kemmler, W., Fröhlich, M. & Eifler, C. Whole-Body Electromyostimulation. Effects, Limitations, Perspectives of an Innovative Training Method. (Springer, 2024).

15 BMUV. Anforderungen an den Erwerb der Fachkunde für die Anwendungen nicht-ionisierender Strahlungsquellen am Menschen. Bundesanzeiger Verlag; 2024.

16 Reinhardt, S. et al. Outcomes addressed by whole-body electromyostimulation trials in sportspeople and athletes - An evidence map. Sports (Basel). 2025; 13(9): 302. doi: 10.3390/sports13090302.

17 Rodrigues-Santana, L. et al. The effects of whole-body muscle stimulation on body composition and strength parameters: A PRISMA systematic review and meta-analysis. Medicine (Baltimore) 102, e32668, doi: 10.1097/MD.0000000000032668 (2023).

18 Kemmler, W. et al. Effects of whole-body electromyostimulation with different impulse intensity on blood pressure changes in hyper- and normotensive overweight people. A pilot study. Front Physiol 15, 1349750, doi: 10.3389/fphys.2024.1349750 (2024).