Redaktionelle Einordnung
EMS-Training wird im Leistungs- und Spitzensport seit Jahren gezielt eingesetzt – insbesondere als ergänzende Trainingsmethode, in der Rehabilitation sowie zur Unterstützung der Regeneration. Dieser Fachartikel ordnet den Einsatz von EMS im Spitzensport auf Basis internationaler Forschungsergebnisse ein und zeigt, unter welchen hochkontrollierten Bedingungen EMS im Leistungssport angewendet wird und warum diese nicht auf den Freizeit- oder Gesundheitssport übertragbar sind.
Der folgende Beitrag wurde von Dr. Heinz Kleinöder verfasst und basiert auf sportwissenschaftlicher Forschung sowie Erfahrungen aus dem Hochleistungsbereich. Er richtet sich an Endkunden, Trainer und Fachinteressierte, die den Einsatz von EMS im Spitzensport realistisch einordnen möchten – nicht als Leistungsversprechen, sondern als Beispiel für einen professionell gesteuerten Spezialanwendungsfall.
Einordnung von EMS-Training im Spitzensport
Ganzkörper-Elektromyostimulationstraining (GK-EMS) wird in vielen Sportarten auf hohem Niveau eingesetzt. Dies geschieht einerseits zur Leistungssteigerung und andererseits auch in der Rehabilitation und Regeneration. Die Vorteile von EMS sind für diese Zielgruppe vielfältig. Dazu zählen die geringen Belastungen des passiven Bewegungsapparates und die gute Kombinierbarkeit mit anderen Trainingsformen (z. B. Hanteltraining, Training mit dem eigenen Körpergewicht etc.). Die verstärkte Ansteuerung langsamer bzw. schnellerer Muskelfasern über die Impulsfrequenz erlaubt ein gezielteres Training Richtung Schnellkraft bzw. Ausdauerfähigkeiten. Auch die kurze Dauer von GK-EMS-Trainingseinheiten ist gerade für den Spitzensport von Vorteil.
In der Anwendung von EMS im Leistungssport ist zu beachten, dass die Trainingszeit (z. B. 20–30 Stunden/Woche) und das Belastungsgefüge besonders zu berücksichtigen sind. Darunter sind die unterschiedlichen auf die Sportler einwirkenden Trainingsreize zu verstehen. Im Gegensatz zum Breitensport wird im Spitzensport hochintensiv trainiert, wobei es dennoch nicht zu einem Übertraining kommen darf. Insofern ist die Integration intensiver Trainingsreize wie von GK-EMS immer im Zusammenhang mit den anderen eingesetzten Trainingsmethoden zu betrachten. Bei richtiger Durchführung stellt GK-EMS-Training eine zeitsparende Alternative bzw. sinnvolle Ergänzung z. B. zum konventionellen Krafttraining dar.
Einfluss von EMS auf Kraft-, Schnellkraft- und Leistungsparameter
Die wichtigen Basisgrößen vieler Sportarten stellen Maximalkraft und Schnellkraft dar. Beide werden durch EMS gesteigert, ebenso explosivkraftabhängige Leistungen wie Sprung, Sprint und Wurf (Filipovic A, Kleinöder H, Dörmann U, Mester J (2011 und 2012)). Darüber hinaus eröffnen sich auch Möglichkeiten, sportartspezifische und disziplinnahe Bewegungen statisch und dynamisch durch (GK)-EMS zu verstärken und damit gezielter anzusteuern.
Einfluss von EMS auf Leistungsfähigkeit und neuromuskuläre Anpassungen
Im Überblick stellen sich für das Training mit EMS aktuell nachfolgend beschriebene Belastungskonstellationen heraus. Die maximale isometrische Kraft wird bestmöglich durch einen isometrischen Trainingsreiz mit EMS trainiert. Bei maximal dynamischen, schnellkräftigen Krafteinsätzen eignet sich die sukzessive Kombination von dynamischem EMS mit schnellen konzentrischen Bewegungen und zusätzlichem Maximalkrafttraining. Die Kombination von dynamischen Übungen und zusätzlicher intensiver EMS zeigt sich effektiv, um Kraftfähigkeiten und Leistung zu verbessern. Um Sprung- und Sprintfähigkeiten zu verbessern, wird die Kombination aus dynamischem EMS und Athletik- bzw. plyometrischem Training (Training im Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus) empfohlen, um die Kraft besser in die Zielübung zu übertragen.
In diesem Zusammenhang soll nicht unerwähnt bleiben, dass ein dynamisches EMS-Training mit submaximaler Intensität (ca. 40 %) die Möglichkeit zur Steigerung der praxisrelevanten maximalen Leistung (F x v) ermöglicht. Dies geschieht im Gegensatz zu klassischen, gewichtsorientierten Trainingskonstellationen nicht über die Kraft (F), sondern vor allem über die Geschwindigkeitskomponente (v). Zusätzlich ergeben sich bei EMS-Training durch seine Langzeiteffekte neue Möglichkeiten in der Trainingsperiodisierung, da sich signifikante Verbesserungen erst nach ca. zweiwöchiger Regenerationsphase zeigen (BiSP-Jahrbuch 2008/9).
Im Detail zeigen sich signifikante Maximalkraftanstiege ab einer Stimulationsintensität von ≥ 50 % MVC (Maximum Voluntary Contraction). Als geeignete Belastungsnormative zur systematischen Steigerung von Maximalkraft, Schnellkraft, Sprung- und Sprintfähigkeit ist eine Trainingsdauer im Block von ca. 4–5 Wochen, eine Trainingsfrequenz von bis zu 3 Trainingseinheiten/Woche (nur Leistungssport, im Breitensport 1–2 TE/Woche) und eine Dauer von ca. 18 Minuten pro Einheit anzustreben. Als Stimulationsparameter ergeben sich eine Impulsbreite von ca. 310 µs und eine Frequenz von ca. 80 Hz (Filipovic A, Kleinöder H, Dörmann U, Mester J (2011 und 2012)). Nach dem Review von Micke F et al. (2022) stellt die effektivste Belastungskonstellation für Athleten eine Kombination von überlagerter EMS mit relativ geringem EMS-Volumen, hoher Intensität und bewegungsspezifischen Mustern dar. Diese Angaben sollten zur Orientierung bei der Planung von (GK)-EMS-Interventionen verwendet werden. Aktuell gibt es hinsichtlich der bestmöglichen Belastungsnormative und der Kombination mit anderen Trainingsmitteln sowie der Gesamtdauer eines Trainingsblocks weiteren Forschungsbedarf (Reinhardt S et al. 2025).
EMS im Kontext von Regeneration und Belastungssteuerung
EMS kann ebenfalls zur Regeneration eingesetzt werden. Dabei kommen niedrigere Stimulationsfrequenzen als im Krafttraining zur Anwendung. Es werden kurze und wenig intensive Muskelkontraktionen durchgeführt. Diese Art von EMS erzeugt, vergleichbar mit einer „aktiven Recovery“, einen erhöhten Blutfluss (Abtransport von Metaboliten etc.) und sorgt für eine schnellere Regeneration nach sportlichem Training beziehungsweise nach einem Wettkampf (Babault N 2011).
Pinar et al. (2012) verglichen verschiedene Methoden der Regeneration, bei der weder Massage noch EMS bessere Ergebnisse nach Ermüdung erzielten als die passive Regeneration. In einem großen Regenerationsprojekt im Forschungsverbund (Regman) wurden viele Regenerationsmethoden im Leistungssport untereinander verglichen. Im Wesentlichen wurden nur individuell messbare und wiederholbare Effekte gefunden. In den verschiedenen Gruppen gab es ebenfalls nur geringe Effekte im Vergleich zur passiven Erholung (Meyer et al. 2016). Insofern besteht an dieser Stelle weiterer Forschungsbedarf, um die bestmöglichen Kombinationen für eine schnelle Regeneration generell und mit EMS spezifisch herauszufinden.
Aktuelle Studien zeigen Effekte auf den Laktatabtransport und die Kreatinkinase-Aktivität. Die meisten positiven Befunde beziehen sich auf subjektives Empfinden (wie z. B. das Schmerzempfinden). Insgesamt zeigen aktuelle Studien jedoch keine Evidenz bezüglich der „Wiederherstellung“ der tatsächlichen Performance-Indikatoren (z. B. Maximalkraft). Daraus lässt sich ableiten, dass bei aktuellem Kenntnisstand eine individuell abgestimmte Regeneration anzustreben ist, in der EMS eine Rolle spielen kann. Reinhardt et al. (2025) schlussfolgern, dass Muskelregeneration nach Trainings- und Wettkampfbelastungen in Bezug auf EMS weiterer Forschung bedarf.
Zusammenfassende Bewertung der internationalen Studienlage
Zusammenfassend kann für die Praxis abgeleitet werden, dass EMS gerade für den Leistungssport wichtige Schlüsselkompetenzen wie Maximal-, Schnell- und Sprungkraft steigert. Dafür können Rahmenbedingungen hinsichtlich der Belastungsparameter gegeben werden. Dennoch ist gerade im Leistungssport ein (GK)-EMS-Training individuell in das Belastungsgefüge der jeweiligen Sportart und des Trainierenden einzubetten. Dies gilt insbesondere für die Regeneration, da sich für diesen Bereich individuelle Konstellationen als erfolgsversprechend herauskristallisieren.
Fazit der Redaktion
Der Einsatz von EMS im Spitzensport erfolgt unter hochprofessionellen, medizinisch begleiteten und individuell abgestimmten Bedingungen. Die dargestellten Forschungsergebnisse zeigen, dass EMS dort gezielt und ergänzend eingesetzt wird und kein Ersatz für klassisches sportartspezifisches Training ist. Für den Freizeit- und Gesundheitssport lassen sich daraus keine direkten Leistungsversprechen ableiten. Entscheidend sind auch hier eine fachkundige Betreuung, eine realistische Zielsetzung und die Einbettung in ein ganzheitliches Trainingskonzept.
Quellen & wissenschaftliche Grundlagen
Babault N, Cometti C, Maffiuletti NA, Deley G. Does electrical stimulation enhance post-exercise performance recovery? Eur J Appl Physiol. 2011 Oct; 111(10):2501-7. doi: 10.1007/s00421-011-2117-7. Epub 2011 Aug 17. PMID: 21847574.
Filipovic A, Kleinöder H, Dörmann U, Mester J. Electromyostimulation--a systematic review of the effects of different electromyostimulation methods on selected strength parameters in trained and elite athletes. J Strength Cond Res. 2012 Sep; 26(9):2600-14. doi: 10.1519/JSC.0b013e31823f2cd1. PMID: 22067247.
Filipovic A, Kleinöder H, Dörmann U, Mester J. Electromyostimulation--a systematic review of the influence of training regimens and stimulation parameters on effectiveness in electromyostimulation training of selected strength parameters. J Strength Cond Res. 2011 Nov; 25(11):3218-38. doi: 10.1519/JSC.0b013e318212e3ce. PMID: 21993042.
Mester J, Nowak S, Schmithüsen J, Kleinöder H, Speicher U: Kurz- und langfristige Trainingseffekte durch mechanische und elektrische Stimulation auf kraftdiagnostische Parameter. BISp-Jahrbuch – Forschungsförderung 2008/09.
Meyer T, Ferrauti A, Kellmann M, Pfeiffer M: Regenerationsmanagement im Spitzensport. REGman - Ergebnisse und Handlungsempfehlungen, Bonn 2016, 978-3-86884-589-1.
Micke F, Kleinöder H, Dörmann U, Wirtz N, Donath L. Effects of an Eight-Week Superimposed Submaximal Dynamic Whole-Body Electromyostimulation Training on Strength and Power Parameters of the Leg Muscles: A Randomized Controlled Intervention Study. Front Physiol 2018 Dec 5:9:1719. doi: 10.3389/fphys.2018.01719.
Micke F, Held S, Lindenthal J, Donath L. Effects of electromyostimulation on performance parameters in sportive and trained athletes: A systematic review and network meta-analysis. Eur J Sport Sci. 2023 Aug; 23(8):1570-1580. doi: 10.1080/17461391.2022.2107437. Epub 2022 Aug 22. PMID: 35913269.
Pinar S., Kaya F., Bicer B., Erzeybek M.S., Cotuk H.B. Different recovery methods and muscle performance after exhausting exercise: comparison of the effects of electrical muscle stimulation and massage. Biol. Sport 2012; 29:269-275. doi: 10.5604/20831862.1019664.
Reinhardt S, Berger J, Kohl M, Von Stengel S, Uder M, Kemmler W Outcomes Addressed by Whole-Body Electromyostimulation Trials in Sportspeople and Athletes—An Evidence Map Summarizing and Categorizing Current Findings. Sports 2025, 13(9), 302; https://doi.org/10.3390/sports13090302.
