Redaktionelle Einordnung
Studienergebnisse werden im Trainingsalltag häufig als direkte Handlungsempfehlungen verstanden. Gerade im EMS-Training zeigt sich jedoch, dass der Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis zur praktischen Anwendung keine einfache Übertragung, sondern eine kritische Einordnung erfordert.
Der folgende Beitrag wurde von Prof. Dr. Wolfgang Kemmler verfasst und beleuchtet, was wissenschaftliche Studien tatsächlich für die Trainingspraxis aussagen – und wo ihre Grenzen liegen. Der Artikel ist der Kategorie Praxis, Erfahrungen & Expertentipps zugeordnet, weil er zeigt, dass nachhaltige Trainingserfolge nicht aus pauschalen Studienableitungen entstehen, sondern aus fachkundiger Interpretation, individueller Anpassung und professioneller Betreuung.
Die Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) ist bereits seit Längerem in der Gesellschaft angekommen. Trotz ihres zunehmenden Bekanntheitsgrads polarisiert diese Technologie immer noch wie kaum eine andere Trainingsmethode. Die einen sehen in ihr eine hocheffektive Trainingsform mit breitem Anwendungsspektrum, die anderen eine artifizielle und dysfunktionale Methode, der aus vielerlei Hinsicht mit Skepsis begegnet werden muss. Die zentralen Fragen nach Effektivität, Kontinuität und Sicherheit, mit denen sich zunehmend mehr Forschende befassen und deren Ergebnisse überwiegend frei zugänglich vorliegen, bedürfen dabei einer kritischen Würdigung und Interpretation. Von besonderer Relevanz ist dabei der Aspekt, wie und für welchen Zweck EMS eingesetzt wird.
EMS zwischen Erwartung und Realität
In den vergangenen 20 Jahren hat WB-EMS eine bemerkenswerte Wandlung von einer spezialisierten Trainingsmethode für athletische Kollektive und Sportler zu einem holistischen Konzept entwickelt, das zunehmend mehr Anwendung im gesundheitsorientierten Fitnessbereich und physiotherapeutischen Einrichtungen findet. Die grundlegende Rationale der WB-EMS-Applikation ist in all diesen Settings vergleichbar: Zeiteffektivität, Gelenkfreundlichkeit, feine Dosierbarkeit und hochgradig individualisierte Anwendbarkeit. Daneben ist WB-EMS für Personengruppen, die aufgrund zeitweiliger oder dauerhafter gesundheitlicher Einschränkungen kein klassisches Körpertraining mehr durchführen können (oder möchten), häufig die einzige erfolgversprechende Option, um sportliche, funktionale und/oder gesundheitliche Fähigkeiten zu erhalten oder zu verbessern.
Zeiteffektivität setzt zunächst Wirksamkeit voraus. Wie ist es denn nun um diese bestellt? Diese Frage bedarf einer differenzierten Einordnung. Etwas vereinfacht können die derzeitigen fitness- und gesundheitsorientierten WB-EMS-Protokolle als „Resistance Type Exercise“ angesehen werden. D. h. es werden kurze, intermittierende Trainingsreize mit vergleichsweise hoher Reizhöhe (via Stromimpuls) gesetzt. Dabei lassen sich hohe Effekte auf Muskelmasse und -funktion, Stoffwechselgrößen und Rückenbeschwerden beobachten, während sich die Effekte auf Endpunkte, die primär über aerobe Belastungsformen beeinflusst werden (bspw. Ausdauer, Blutdruck), nach WB-EMS etwas schwächer, jedoch überwiegend klinisch relevant, ausfallen. Wichtig ist, dass alle vorliegenden Studien mit positivem Ergebnis eine enge, fachlich qualifizierte Supervidierung des WB-EMS realisiert haben. Zweifellos ist der qualifizierte und empathische Trainer also ein wesentlicher Erfolgsgarant eines effektiven WB-EMS Trainings.
Sicherheit ist keine Nebensache
Neben der Effektivität ist insbesondere im gesundheitsorientierten oder medizinischen WB-EMS-Setting die Sicherheit ein Aspekt von absolut zentraler Bedeutung. Eine Trainingsmethode, die alle großen Muskelgruppen simultan und mit supramaximaler Reizhöhe stimuliert, generiert ohne Frage eine muskuläre und metabolische Belastung, die weit über das Niveau anderer Trainingsformen hinausgeht. Auf der anderen Seite ist eine angemessene Reizhöhe notwendig, um die beabsichtigten Effekte auszulösen. Diese „Gratwanderung“ im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Effektivität erfordert eine gut ausgebildete Fachkraft, die in enger Interaktion mit dem Trainierenden die Reizhöhe dem individuellen Niveau entsprechend anpasst und reguliert. Vorliegende klinische WB-EMS-Studien zeigen bei konsequenter Supervision, Beachtung der vorliegenden Kontraindikationen und Trainingsempfehlungen keine „unerwünschten Nebenwirkungen“ im Sinne gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Insofern kann WB-EMS als sehr sicheres Trainingsverfahren, insbesondere für vulnerable Personengruppen angesehen werden. Entscheidend ist dabei aber immer der Mensch, der die Technologie betreibt.
WB-EMS als Trainingsmethode
Ganzkörper-EMS ist für die Muskulatur ein vollwertiges Training mit vergleichbaren Effekten wie bei traditionellen Krafttrainingsmethoden. Im Leistungssport wird eine Kombination aus beiden Trainingsformen als überlagertes (superimposed) EMS durchgeführt. Dabei erfolgt eine muskuläre Belastung mit hoher Intensität, die mit einer WB-EMS-Applikation überlagert wird. Im Extremfall kommt es zu einer maximalen willkürlichen Muskelaktivierung mit dem zusätzlichen „Sahnehäubchen“ Strom. Das Ziel dieser Strategie ist es, beim austrainierten Athleten durch einen neuen, ungewöhnlichen Reiz das letzte Quäntchen Leistungszuwachs abzurufen. In Studien ist dieser Leistungszuwachs häufig kaum nachzuweisen, im individuellen Fall kann er jedoch von Bedeutung sein. Betrachtet man allerdings die Verletzungsgefährdung, die Belastung für Gelenke und passive Strukturen sowie den notwendigen Ausbelastungsgrad und die hohe erforderliche Leidensfähigkeit, so wird schnell klar, dass „superimposed WB-EMS“ im fitness- und gesundheitsorientierten Anwendungsbereich nicht angewendet werden soll. Hier soll der Stromimpuls die Arbeit primär übernehmen; leichte Körperübungen dienen dabei der Verbesserung funktioneller Aspekte.
Warum Trainingskonstanz entscheidend ist
Neben Effektivität und Sicherheit ist Attraktivität ein Schlüsselkriterium für erfolgreiche Trainingskonzepte. Eine hohe Attraktivität führt zu einer starken Bindung an das Programm, zu Trainingskonstanz und zu einer hohen Compliance bei der Trainingsdurchführung. Themenübergreifend belegen klinische WB-EMS-Untersuchungen eine sehr hohe Teilnehmerbindung, geringe Aussteiger- und hohe Anwesenheitsraten – definitiv Determinanten, die essenziell zur Effektivität von WB-EMS beitragen. Aus Teilnehmersicht sind die kurzen, klar strukturierten Einheiten, die geringe orthopädische Belastung, die enge Supervidierung und die persönliche Betreuung ursächlich für die Attraktivität wissenschaftlicher oder kommerzieller WB-EMS Konzepte.
EMS im Kontext aufkommender, gesundheitsorientierter Fragestellungen
Aufgrund seiner Zeiteffektivität, Gelenkfreundlichkeit, exzellenten Dosierbarkeit und engen persönlichen Betreuung ist WB-EMS eine erfolgversprechende Option bei aufkommenden gesundheitsorientierten und/oder medizinischen Fragestellungen. Ein Beispiel ist der Bereich Long-Covid/chronisches Erschöpfungssyndrom, bei dem eine sehr vorsichtige, strikt individualisierte und fein dosierte Reizapplikation teilweise vor Ort erfolgen muss, um die Patienten zu erreichen und eine Überbelastung zu vermeiden. Ein anderes Beispiel ist die Reduktion der Muskelmasse bei energierestriktiven Interventionen. Aktuelle Entwicklungen wie der Einsatz von GLP-1-basierten Medikamenten zur Gewichtsreduktion sind in diesem Bereich ebenfalls zu verorten, da sie mit einem erheblichen Verlust von Muskelmasse einhergehen. Wichtig bleibt, dass WB-EMS nicht als Ersatz für medizinische Maßnahmen, sondern als primär begleitende Maßnahme angesehen werden sollte.
Mein Fazit aus Wissenschaft und Praxis
Aus derzeitiger wissenschaftlicher Perspektive kann WB-EMS als sichere, attraktive und grundsätzlich effektive Trainingsmaßnahme mit hohem Standardisierungsgrad angesehen werden. Richtig angewendet, sinnvoll eingesetzt, professionell betreut und nachhaltig betrieben, ist WB-EMS zweifellos eine effiziente Trainingsoption zur Wiederherstellung, Steigerung und zum nachhaltigen Erhalt von körperlicher Fitness, Funktion und gesundheitlichen Größen. Für Menschen, die keine Möglichkeit zur Durchführung kraftorientierter Trainingsprogramme haben, stellt WB-EMS eine gleichwertige Option dar. Zusammenfassend hat WB-EMS zu Recht einen festen Platz in einer modernen, evidenzbasierten Trainings- und Präventionslandschaft. Angesichts der demografischen Entwicklung, der erhöhten Eigenverantwortlichkeit und der verbesserten Studienlage wird dieser Platz in nächster Zeit breiter werden.
Fazit der Redaktion
Die dargestellten Inhalte zeigen, dass die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Trainingspraxis beim EMS-Training stets eine differenzierte Betrachtung der Anwendungsbedingungen erfordert. Zentral für Effektivität, Sicherheit und Trainingskonstanz sind dabei eine qualifizierte Betreuung, eine individuelle Belastungssteuerung sowie der verantwortungsvolle Einsatz der Technologie. Anwendungsformen ohne fachkundige Supervision – etwa als Heim- oder Selbstanwendung – lassen sich aus der dargestellten Studienlage nicht ableiten und widersprechen dem in Wissenschaft und Praxis beschriebenen verantwortungsvollen Einsatz von EMS-Training.
