Redaktionelle Einordnung
EMS-Training ist kein „Übungszirkus“, sondern betreutes Krafttraining mit hoher Reizdichte. Entscheidend ist nicht, wie komplex eine Bewegung aussieht, sondern ob der Stromimpuls als Trainingsreiz wirklich ankommt – und ob Intensität, Technik und Betreuung sauber zusammenpassen. Genau hier setzt der Expertentipp von Prof. Dr. Wolfgang Kemmler, Trainingswissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), an: „Der Strom macht die Arbeit“ heißt nicht „weniger Training“, sondern mehr Fokus auf den wirksamen Impuls statt auf Zusatzlasten, Instabilität oder unnötige Übungskomplexität. Wer EMS-Training langfristig erfolgreich und sicher einsetzen will, braucht klare Belastungssteuerung, enges Coaching und eine Progression, die sich am Belastungsgefühl orientiert – nicht an spektakulären Bewegungen.
In der Trainingspraxis der Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) wird häufig diskutiert, ob additive Körperübungen mit moderat- oder hochintensiver willkürlicher Aktivierung der Muskulatur, beispielsweise durch zusätzliche Gewichtsbelastung, die Effekte eines WB-EMS verbessern bzw. das Training noch effizienter machen können.
Der Trainingsreiz entsteht durch den Stromimpuls
Anders als bei einem konventionellen Krafttraining, bei dem die Muskulatur willkürlich durch das zentrale Nervensystem aktiviert wird, wird der Muskel beim EMS durch elektrische Impulse zur Kontraktion gebracht. Im Gegensatz zur willkürlichen Kontraktion kann der externe elektrische Impuls mit einer Reizhöhe von „kaum merklich“ bis „supramaximal“ nicht nur sehr viel dosierter appliziert werden, sondern auch wesentlich intensiver. Beim WB-EMS werden zudem alle großen Muskelgruppen simultan stimuliert, was durch ein traditionelles Krafttraining nicht realisiert werden kann. Fasst man die Aspekte der guten Dosierbarkeit, der Möglichkeit hoher Reizstärke und der regional übergreifenden Stimulation der Muskulatur zusammen, so ergibt sich keine Notwendigkeit für zusätzliche Belastung durch Körperübungen. Insbesondere bei Menschen mit wenig Trainingserfahrung kommt eine geringe willkürliche Ansteuerungsfähigkeit der Muskulatur hinzu. Dadurch wird eine zielführende Belastung der fokussierten Muskelgruppe erschwert. Dieser Aspekt liegt beim WB-EMS durch die externe Applikation elektrischer Impulse und die konsequente Supervision nicht vor. Nicht nur, aber besonders bei diesem Personenkreis wäre eine gleichzeitige Applikation von Stromimpulsen und zusätzlicher intensiver dynamischer Willkürbelastung kontraproduktiv. Einerseits wird das System „Muskulatur“ durch den Dauerbeschuss endogener und externer Reize überfordert, andererseits ist es für die Anwendenden schwierig, die Stimulationsintensität und Belastungssituation an den unterschiedlichen Regionen einzuschätzen und angemessen zu dosieren.
Wirksamkeit ist eine Frage der Dosierung
Wie bei konventionellen Trainingsformen auch, muss beim WB-EMS der Reiz die individuelle Reizschwelle des adressierten Systems überschreiten, um Anpassungserscheinungen zu triggern. Andererseits können zu intensive Reize unerwünschte Nebenwirkungen und Ereignisse auslösen. Dies ist insbesondere bei einer Trainingsform wie WB-EMS, die supramaximale Reize für eine Vielzahl von Muskelgruppen simultan setzen kann, eine Herausforderung. Tatsächlich ist die „angemessene Dosierung“ der Reizhöhe - nicht zuletzt aufgrund fehlender objektiver Kriterien bei EMS/WB-EMS - eine nicht triviale Fragestellung. Im Gegensatz zu Trainingsformen mit willkürlicher Muskelaktivierung, bei der eine hohe Reizintensität durch das Scheitern der Bewegungsausführung begrenzt ist („work to failure“), tritt dieser Effekt beim WB-EMS nicht ein. Die Intensitätssteuerung über die subjektive Belastungseinschätzung erfordert vom Anwendenden folglich eine ausreichende Belastungssensitivität und -erfahrung. Dies ist ein Lernprozess, der durch die simultane Stimulation von zehn und mehr Muskelgruppen nicht gerade erleichtert wird. Zusätzliche komplexe und intensive Körperübungen erschweren diesen Prozess und sind somit primär kontraproduktiv.
Die Rolle des Übungsleiters bei der Belastungssteuerung des WB-EMS
Die derzeitigen (und durchaus bewährten!) WB-EMS-Konzepte lösen die Frage der angemessenen Dosierung der Reizhöhe durch eine enge Interaktion und Supervision durch lizenzierte Trainer/Therapeuten. Grundlage dieser Interaktion ist die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit bei der Sensibilitätsschulung, der Einordnung der subjektiven Belastung, der Belastungsabfrage und der entsprechenden Belastungsprogression innerhalb der Trainingssession sowie im weiteren Verlauf der WB-EMS-Intervention. Auch nach erfolgter Konditionierung und Erfahrung mit der WB-EMS-Technologie bleibt der achtsame und erfahrene Übungsleiter der Garant eines wirksamen und sicheren WB-EMS-Trainings.
Körperübungen beim WB-EMS
Nur zur Klarstellung: Leichte Körperübungen während der WB-EMS-Applikation führen im Vergleich zur passiven Anwendung zu höheren Effekten, insbesondere auf funktionale Größen. Die begleitenden Körperübungen sollten allerdings nicht als Mittel zur Intensivierung der Belastung, sondern als Ergänzung und Erweiterung des funktionalen Potenzials des WB-EMS verstanden werden. Je nach Trainingsziel und Zielgruppe können unterschiedliche leichte Körperübungen, gerne über die gesamte Bewegungsreichweite, eingesetzt werden. Diese modifizieren den primär muskelorientierten Ansatz des WB-EMS auf funktionale Weise.
Ein völlig anderer Ansatz ist das überlagerte WB-EMS im Leistungs-/Hochleistungssport. Dabei wird die sportartspezifische oder zumindest leistungsrelevante Körperübung (z. B. ein Sprung) mit hoher bis maximaler Reizhöhe durchgeführt. Zur Intensivierung der Belastung wird zusätzlich Strom appliziert. Wenn die Körperübung technisch korrekt ausgeführt werden soll, ist die additive Stromapplikation meist vergleichsweise niedrigintensiv. Dieser Ansatz, der eher als intensives Körpertraining mit additivem EMS „als Sahnehäubchen“ zur Ausbelastung gelten sollte, beinhaltet naturgemäß ein deutlich höheres orthopädisches und metabolisches Risiko und sollte folglich keine Anwendung in fitness- oder gesundheitsorientierten WB-EMS-Settings finden.
Warum dann die häufig „Körperübungslastige“ WB-EMS Anwendung im Studio?
Obwohl die Schulungsträger der Zertifizierungsstellen sämtlich davon abraten, beobachtet man in der Trainingspraxis häufig und mit einer gewissen Verwunderung, dass WB-EMS mit intensiven Körperübungen, zusätzlichen Gewichten, und/oder komplexen Übungsabfolgen kombiniert wird. Neben dem nicht-zutreffenden Argument einer höheren „Effektivität“ wird häufig angeführt, dass der Kunde ein möglichst abwechslungsreiches Training absolvieren möchte. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass ein abwechslungsreiches Training auch ohne intensives Körpertraining möglich ist und die vorgegebene Trainingsfrequenz des WB-EMS mit <2 TE pro Woche vergleichsweise niedrig ist, scheint es eher so, als suche der Trainer mehr Abwechslung in seinem Arbeitsalltag. Dies ist allerdings auch ohne relevante Zusatzbelastung oder komplexe Übungsfolgen möglich.
Mein Fazit aus Wissenschaft und Praxis
Ganzkörper-EMS ermöglicht auch ohne zusätzliches Körpertraining einen effektiven muskulären Reiz. Entscheidend ist dabei die angemessene Dosierung des elektrischen Impulses. Diese wird in einer engen Interaktion zwischen dem Therapeut/Trainer und den Patienten/Trainierenden festgelegt und im Verlauf der WB-EMS Einheit regelmäßig regional (also per Elektrode) an das jeweils aktuelle Belastungsempfinden angepasst. Insofern gilt: „Der Strom macht die Arbeit.“ Der erfahrene Trainer bzw. Therapeut hilft „ihm“ jedoch dabei, den Job effektiv und sicher zu erledigen.
Fazit der Redaktion
WB-EMS wirkt dann am besten, wenn das Setup den Reiz gezielt und kontrollierbar macht: einfach wählbare Übungen, klare Körperpositionen, saubere Technik – und ein Impuls, der individuell hoch genug dosiert ist.
Komplexität, Instabilität oder zusätzliche Lasten klingen „sportlich“, erschweren aber oft genau das, was beim EMS entscheidend ist: die präzise Steuerung von Intensität und Muskelanspannung. Deshalb gehört zur Qualität auch die Organisation im Studio: Ein enger Betreuungsschlüssel ist kein Luxus, sondern Voraussetzung, damit der Trainer Intensität, Technik und Körperspannung gleichzeitig steuern kann.
Entscheidend bleibt: Den Trainingsreiz liefert der Impuls – die Übung schafft den stabilen Rahmen, damit dieser Reiz wirksam und sicher ankommt.
Quellen & wissenschaftliche Grundlagen
Kemmler, Wolfgang & Stengel, Simon & Uder, Michael. (2025). Safety, Adherence and Attractiveness of Whole-Body Electromyostimulation in Non-Athletic Cohorts. A Systematic Review. Studia sportiva. 19. 10.5817/StS2025-1-10.
