Redaktionelle Einordnung

Viele EMS-Studios reden über den Megatrend Gesundheit – aber erst in der Praxis zeigt sich, was „Gesundheit“ wirklich bedeutet: andere Kundenerwartungen, andere Sprache, andere Prozesse. Im fMI-Interview beschreibt Rita De Pippo-Albrecht (tenless) sehr konkret, wie sie ihre beiden Studios neu ausgerichtet hat – mit dem Ziel, die Zielgruppe 40–69 konsequent abzuholen. Ihre Erfahrungen sind ein selten klarer Blick in die Realität einer Umstellung: vom bisherigen EMS-Setup hin zu einem Angebot, das sich wie ein geführtes Gesundheits- und Kraftprogramm anfühlt.


Von 2012 bis heute: Wachstum – aber nicht zufällig

Rita ist seit 2012 im EMS-Markt aktiv. Gestartet ist sie mit einem ersten Studio in Kooperation mit einem Studiosystem, hat sich aber parallel – Schritt für Schritt – eigenes Betriebs-Know-how aufgebaut und das Umsetzungskonzept über Jahre optimiert. Entscheidend an ihrer Story ist weniger der Start, sondern die Haltung dahinter: nicht stehen bleiben, sondern konsequent an den Erfolgsfaktoren feilen. Selbst die Corona-Jahre beschreibt sie nicht als reine Bremse, sondern als Phase, in der sie die Zeit genutzt hat, um die Zeit „danach“ strategisch vorzubereiten.

Genau dieser Punkt ist für diese Praxiseinordnung wichtig: Die Umstellung war nicht plötzlich, sondern das Ergebnis eines langen Lernprozesses – und einer klaren Entscheidung, den Markt nicht nur zu beobachten, sondern das Studio so zu bauen, wie die Nachfrage sich entwickelt.

Der Auslöser: Die alte Positionierung passte nicht mehr zur Realität

Das Rebranding auf tenless erfolgte im März 2024. Rita beschreibt es als logische Konsequenz aus der Marktentwicklung: Die frühere Positionierung habe nicht mehr zu den Chancen gepasst, die EMS-Boutique-Studios heute im Fitness- und Gesundheitsmarkt haben.

Der Kern ihrer Erkenntnis: Der Markt wird älter – und gesundheitsorientierter. Und wer wachsen will, muss nicht „mehr EMS“ machen, sondern besser für die richtigen Menschen werden. Deshalb hat sie sich bewusst auf den Personenkreis ausgerichtet, der sich vom Fitnessmarkt bisher nicht angesprochen fühlte – und der gleichzeitig genau die Dinge schätzt, die EMS stark machen: persönliche Betreuung, Zeiteffizienz, planbare Routine.

Die neue Zielgruppe 40–69: nicht „Fitnesspublikum“, sondern Gesundheitsmotiv

Rita beschreibt ihre Zielgruppe sehr klar: 40–69-Jährige, die nicht wegen Körperkult oder Lifestyle kommen, sondern wegen Gesundheit, Prävention und Lebensqualität. Viele seien eher untrainiert, hätten wenig Zeit und möchten ihre Freizeit nicht in klassisches Krafttraining investieren, das ihnen vielleicht „zu langweilig“ erscheint. Wenn wir hier von „40+“ sprechen, meinen wir konkret die bewusst fokussierte Altersgruppe 40–69.

Das ist eine wichtige Praxisbeobachtung: Diese Menschen brauchen kein „härteres Training“. Sie brauchen ein Angebot, das ihnen Sicherheit gibt, sie nicht überfordert – und das sich wie ein sinnvoller Bestandteil des Alltags anfühlt. Genau hier wird EMS anschlussfähig, wenn es richtig verpackt und geführt wird: als betreutes Krafttraining mit klarer Struktur.

„Wir haben alles umgebaut“: Was sich in der Umstellung wirklich verändert hat

Der stärkste Teil des Interviews ist die Konsequenz, mit der Rita die Umstellung beschreibt. Sie sagt sinngemäß: Die Zielgruppe war zwar schon früher da – aber der Betrieb war nicht konsequent auf sie ausgerichtet. Und genau das wurde geändert.

Sie hat nicht nur Logo und Farben angepasst – die Umstellung wurde operativ. Im Interview beschreibt Rita sinngemäß: Der Betrieb müsse sich so anfühlen, wie die neue Zielgruppe ihn braucht. Das beginnt beim ersten Kontakt („Was ist das genau – und ist das sicher?“) und geht bis in die Trainingsminuten hinein. Statt „Probieren wir mal“ steht ein geführter Start: Ziele klären, Erwartungssicherheit herstellen, Belastung dosiert aufbauen.

In der Praxis bedeutet das: Die Studios wurden optisch ruhiger und „gesundheitsnäher“ gestaltet, Abläufe wurden standardisiert (Einstieg, Aufklärung, Trainingssteuerung), und die Marke wurde sprachlich neu geerdet – weniger Technik, mehr Alltag: Rücken, Stabilität, Kraftaufbau, Belastbarkeit. Genau diese Konsequenz macht die Umstellung glaubwürdig, weil sie nicht auf der Website endet, sondern im Kundenerlebnis sichtbar wird.

Das ist echte Praxiserfahrung: Eine Gesundheitspositionierung funktioniert nicht, wenn sie nur auf der Website steht. Sie muss sich im Raum, im Gespräch, in der Betreuung und im Prozess anfühlen.

Offline statt nur Instagram: Warum ihre Zielgruppe anders erreichbar ist

Ein spannender, oft unterschätzter Punkt: Rita betont, dass ihre Zielgruppe digitale Werkzeuge zwar nutzt, aber weiterhin stärker offline unterwegs ist. Deshalb setzt sie bewusst auch auf Offline-Maßnahmen zur Kundengewinnung – nicht als „oldschool“, sondern als effizienter Hebel, der zur Zielgruppe passt und Kosten sparen kann.

Praxisnah gedacht heißt das: Sichtbarkeit herstellen, wo 40–69 tatsächlich entscheidet – im lokalen Umfeld und in Routinen. Im Interview wird deutlich, dass Offline-Maßnahmen nicht „retroü sind, sondern zielgruppengerecht: weniger Reichweite um der Reichweite willen, mehr Kontaktpunkte, die Vertrauen erzeugen. Für Studios ist das oft effizienter als reine Social-Optimierung, weil die Zielgruppe nicht über Trends, sondern über Verlässlichkeit kommt.

Das wirkt banal, ist aber in der Praxis ein Gamechanger: Wer 40–69 gewinnen will, muss dort sichtbar sein, wo diese Zielgruppe tatsächlich entscheidet – nicht nur dort, wo Fitness-Bubbles diskutieren.

Kooperationen mit Physio- und Arztpraxen: Vertrauen wird „mitgeliefert“

Ein zentrales Element der Umstellung sind Kooperationen mit Physio- und Arztpraxen – nicht als Deko-Argument, sondern als Vertrauensanker. Rita beschreibt im Interview sinngemäß: Wenn Kund:innen mit gesundheitlichen Fragen starten, wollen sie Orientierung – und sie wollen wissen, dass Grenzen erkannt werden. Genau deshalb ist die Anbindung relevant: Einerseits können Interessenten seriös weitergeleitet werden, wenn Themen nicht ins Training gehören. Andererseits entsteht über das Netzwerk ein Kanal zu Menschen, die nach Behandlung präventiv weitermachen möchten – also genau zur Zielgruppe passen, die „Gesundheit“ wirklich meint.

Das tenless Beratungs- und Trainingsprogramm: Standardisierung ohne „Einheitsbrei“

Rita sagt, sie arbeite heute nach einem tenless Beratungs- und Trainingsprogramm, das gemeinsam mit Physiotherapeuten, Ärzten und Gesundheitsexperten entwickelt wurde. Der Grund ist nachvollziehbar: Mit steigendem Alter nehmen „Zipperlein“ zu – und das Team muss mit Gesundheitsfragen sicher umgehen können.

Gleichzeitig betont sie Individualisierung: Kund:innen bekommen ein individualisiertes Trainingserlebnis. Interessant ist auch ihr Organisationsmodell: Zwei Personen können zeitgleich trainieren – auch mit unterschiedlichen Zielen und Leistungsniveaus – bei individueller Trainingsauswahl. Das soll Kundenzufriedenheit erhöhen und Kündigungen senken.

Hier steckt die eigentliche Studio-Logik dahinter: Gesundheit erfordert Standards, aber nicht starre Schablonen. Der entscheidende Punkt ist ein Prozess, der professionell wirkt und trotzdem individuell bleibt.

Preise angepasst – und es hat funktioniert

Ein Punkt, den viele Studios bei einer Neupositionierung scheuen, spricht Rita offen an: Preisgestaltung. Sie beschreibt, dass der beliebteste Neukundentarif aktuell bei 50 Euro pro Woche liegt und dass auch bei Bestandskund:innen Preise erhöht wurden – mit gutem Ergebnis.

Das passt zur Erfahrung vieler Anbieter: Eine Gesundheitspositionierung ist nicht automatisch „billiger“. Im Gegenteil: Wenn Betreuung, Prozessqualität und Professionalität steigen, muss das Preisschild diese Realität abbilden – sonst fehlt später das Budget für Team, Standards und Service.

Ergebnis der Umstellung: mehr „richtige“ Interessenten – bis zur Warteliste

Die Wirkung der Umstellung zeigt sich laut Interview sehr konkret: Seit der Umgestaltung kommen messbar mehr Interessenten aus der richtigen Altersgruppe. Call- und Walk-ins hätten zugenommen, und es würden deutlich mehr Menschen vor dem Studio stehen bleiben. In einem Studio gab es laut Interview sogar so viel Zulauf, dass ein Aufnahmestopp nötig war – inklusive Warteliste.

Gleichzeitig betont sie, dass Bestandskund:innen gehalten wurden und sich viele im neuen Ambiente sogar wohler fühlen, weil es zur Zielgruppe passt. Das ist ein wichtiger Erfolgsindikator: Eine Umstellung darf nicht nur „Neukunden anziehen“, sie muss auch die bestehende Basis mitnehmen.

Das Team als Erfolgsfaktor

Auch intern hatte die Umstellung spürbare Wirkung: Mitarbeitende konnten Gesundheitswissen stärker einbringen und mussten nicht nur „Training abarbeiten“. Das verändert die Rolle im Alltag – weg vom reinen Durchführen, hin zum Erklären, Einordnen, Steuern. Gerade bei 40–69 ist das entscheidend, weil Kund:innen nicht nur trainieren, sondern verstehen wollen, warum sie etwas tun und wie sicher es ist. Wenn das Team diese Kompetenz sichtbar lebt, steigt die Dienstleistungsqualität – und damit genau das, was im Gesundheitsmarkt Bindung erzeugt.

Standards als Wachstumshebel: erst aufwendig, dann hilfreich

In der Praxis wurden auch die neuen Anforderungen rund um NiSV, Fachkunde, Aufklärung, Dokumentation und den professionellen Betrieb von EMS-Anlagen zunächst als aufwendig erlebt – heute wirken sie aber eher als Vorteil: Standards schaffen Vergleichbarkeit und Vertrauen im gesamten EMS-Markt. Gerade für die Zielgruppe 40–69 wird Professionalität dadurch sichtbarer, und die Abgrenzung zu unseriösen Angeboten fällt leichter – auch gegenüber Physio- und Arztpraxen.

Für EMS-Training ist das ein zentraler Punkt: Standards bremsen den Markt nicht, sondern machen ihn verlässlicher. Gerade wenn Gesundheit zur Leitlogik wird, entstehen Wachstum und Vertrauen nicht durch große Versprechen, sondern durch klare Prozesse, professionelle Betreuung und nachvollziehbare Qualität.

Im Fall tenless war genau das der Verstärker der Neuausrichtung: Gesundheit wurde nicht nur versprochen, sondern über Prozesse, Kooperationen und Standards sichtbar gemacht. Und genau deshalb funktioniert die Umstellung nicht als Marketingmaßnahme, sondern als Betriebsentscheidung – mit spürbaren Effekten auf Zielgruppe, Nachfrage und Bindung.


Fazit der Redaktion

Der Praxisfall zeigt, wie erfolgreiche EMS-Neuausrichtung heute aussehen kann: nicht als lauter Effekt, sondern als konsequente Umstellung auf eine Zielgruppe, die Gesundheit ernst meint. Die Erfolgsformel liegt nicht in einem einzelnen Trick, sondern in der Summe aus Zielgruppen-Klarheit, Prozessqualität, Kooperationen, sichtbarer Betreuung und professionellen Standards. Wer 40–69 gewinnen will, muss weniger beeindrucken – und mehr führen. Genau das macht EMS-Training im Megatrend Gesundheit so stark.

Quellen & wissenschaftliche Grundlagen

fMI / fitnessmanagement.de: „Rita De Pippo-Albrecht im Interview: ‚Wir profitieren vom Megatrend Gesundheit‘“ (02.08.2024). https://www.fitnessmanagement.de/rita-de-pippo-albrecht-customer-centricity-tenless-ems-interview-zielgruppe-40-plus-gesundheit/